„Ein Virus im Dorf“ – Lisa Schmidinger berichtet …

„Ein Virus hat unser aller Leben verändert. Die Maßnahmen, die zur Eindämmung der Ausbreitung getroffen wurden, bestimmen nun unseren Alltag. Jede Person macht ihre eigenen Erfahrungen – Erfahrungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

 

In Zusammenarbeit mit Georg Sutterlüty haben wir ein Projekt gestartet. Wir wollen wissen, wie Eggerinnen und Egger (sowie einzelne BregenzerwälderInnen umliegender Gemeinden) mit der Krise umgehen: Was hat sich in ihrem Leben verändert, welche Herausforderungen gibt es und was erhoffen sie sich nach Beendigung dieser schwierigen Phase? Wir haben ganz kunterbunt nach Personen gesucht, die bereit sind, ihre persönliche Geschichte zu schildern. Wir beginnen mit dem ersten Bericht und wollen jeden zweiten Tag den nächsten veröffentlichen.

 

Bereits veröffentliche Berichte werden von uns ins Archiv verschoben, sind aber weiterhin hier für euch verlinkt:

 

Bericht 3: Wilhelm Sutterlüty (63), Geschäftsführer Sozialzentrum Egg, Schmarütte

Bericht 2: Marcel Simma , Schüler der HTL Dornbirn, Stadel

Bericht 1: Brigitte Bereuter (40), Gemeindeangestellte, Mutter und Hausfrau, Rain

 

Kommentare sind erwünscht, doch bitten wir aus Rücksicht auf die Autoren, den vollen Namen sowie den Weiler, in dem ihr wohnt, anzugeben.“

 

Bericht 4: Lisa Schmidinger – Und ich habe lange gelacht…

 

Hätte man mir am Neujahrstag erzählt, dass wir in drei Monaten zu Hause sitzen müssen, die Dorfkerne wie ausgestorben, die Spielplätze verwaist, die Skilifte ruhend und nur mehr die wichtigsten Geschäfte offen sind, was hätte ich gelacht. Und ich habe lange gelacht. Mitte Februar war ich noch zum Skitouren im Südtirol. Bei der Hinfahrt hörten wir im Radio von 40 positiven Fällen in Norditalien. Drei Tage später auf der Heimreise waren es 400 und es stand im Raum, den Brenner zu schließen. Und ich habe immer noch gelacht. Auch als mein Arbeitskollege erzählt hat, dass er sich für zwei Monate mit Nahrungsmittel eingedeckt hat. Ich habe gelacht, ich habe das alles als Panikmache gesehen – sah es nur als eine schärfere Grippe, die, wie jedes Jahr, sich ein paar ältere Menschen holen. Natürliche Selektion, habe ich darüber gewitzelt. Ich kam mit der Flut von Informationen, die jeden Tag über sämtliche sozialen Kanäle hereinkamen, nur langsam klar – reine Panikmache oder war da doch was dran? Und dann las ich einen Artikel, der mir zu verstehen gab, um was es wirklich geht und mein Lachen verstummte.

 

Es ist bemerkenswert, wie schnell die Maßnahmen von allen, auch den stursten Wäldern, akzeptiert wurden. Und noch viel bemerkenswerter ist der Zusammenhalt, die vielen innovativen Ideen von Frauen und Männern, wie die Wirtschaft trotzdem weiter funktionieren kann. „Nüd lugg long“ – hat für mich eine neue Bedeutung bekommen. Und trotz all der weltweiten, negativen Meldungen fühlt sich dieser Stillstand auch gut an.  Ich bin in keiner schwierigen wirtschaftlichen Lage, habe keine erkrankten Menschen in meinem Umfeld und bin selbst kerngesund – purer Luxus würd ich sagen. Es scheint surreal, aber dieser Zustand hat irgendwie etwas Romantisches. Keine Verpflichtungen, keine Termine, keine Besuche – meine Menge an Kontakten kann ich mittels Handy selbst regulieren und viel öfters lasse ich es nun einfach zu Hause liegen und unternehme stundenlange Spaziergänge durch den Wald, führe Dialoge mit mir selbst, nenne dies meine Therapiestunden. Wann hatte ich das letzte Mal so viel Zeit nur für mich? Viele Bregenzerwälder werden jetzt den Kopf schütteln und schimpfen, denn sie haben genügend Arbeit im Garten, im Wald, ja sogar die Fenster müssen sie noch putzen. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich wohl irgendwo noch anderes Blut in mir hab als das reine Wälder-Temperament mit „Schaffa, schaffa,..“

 

Ich glaube, dass dieses Virus auch eine Chance für uns alle sein kann. Den Gang, den wir runter schalten mussten, sollten wir beibehalten. Wie schnell haben wir nun gelernt, was wirklich wichtig ist, was in Krisenzeiten zählt und vor allem auf wen wir zählen können, wenn es hart auf hart kommt: Auf uns Wälder.

 

Auch diese Zeit wird vorbei gehen, und wenn wir das geschafft haben, bin ich mir sicher, die nächsten „Fisen“ werden lauter, die Umarmungen ein bisschen fester und der Blick von den Bergen wird noch schöner sein. Und was hoffentlich bleiben wird, das „Blieb gsund“, was sich in dieser Zeit zu unserer Verabschiedung dazu gesellt hat.

 

Lisa Schmidinger (28 Jahre), Krankenpflegerin, Wohnort Schmarütte

Deine Meinung

  1. Lisa, Gratuliere dir zu diesem so treffend geschriebenen Beitrag. Ich sehe es genau so als Chance für alle Menschen um wieder Blick auf das Wesentliche zu bekommen!