Elf Meter zur Unsterblichkeit – Georg Sutterlüty
Der Beitrag ist am letzten Samstag, 11. JULI, in der Presse erschienen, bezieht sich auf das WM Match Österreich vs. CHILE 1982 in Spanien. Von Georg Sutterlüty.
Viele Dinge kommen unverhofft. Ich war nach Südamerika gereist, um über ein Fußballspiel zu recherchieren, das nie stattgefunden hat, aber trotzdem angepiffen wurde. Im November 1973 hätte Chile in Santiago gegen die Sowjetunion um das letzte Ticket für die Fußball-WM 1974 in Deutschland spielen sollen. Wochen zuvor, am 11. September 1973, war die demokratisch-gewählte sozialistische Regierung von Salvador Allende von einer Militärjunta gestürzt worden. In den ersten Tagen nach dem Putsch hatten im Land chaotische Verhältnisse geherrscht, das Nationalstadion in Santiago war kurzfristig in ein Gefangenenlager für politische Häftlinge umfunktioniert worden. Dort waren Menschen festgehalten, gefoltert und erschossen worden. Manche verschwanden für immer.
Der sowjetische Fußballverband weigerte sich, unter diesen Umständen seine Nationalelf nach Chile zu schicken. Sein Protest – er forderte die Verlegung der Partie in ein Nachbarland – blitzte jedoch bei der FIFA ab. Das Stadion wurde folglich geräumt, die Blutspuren entfernt und der Rasen gemäht. Am 21. November standen pünktlich um 18.30 Uhr elf chilenische Spieler auf dem Feld. Auch ohne Gegner pfiff der Unparteiische das Match an. Die Chilenen passten sich den Ball zu und schossen das Leder ins leere Tor. Kurzer Jubel, danach war das Spiel beendet und Chile qualifiziert. Heute zählt die Partie zu den großen Kuriosa der Fußballgeschichte.
Einer, der damals für die Chilenen auf dem Rasen stand, war der Stürmer Carlos Caszely. 23 Jahre alt, bereits ein Star, eigensinnig und stur, und dafür bekannt, dass er mit der Regierung Allendes sympathisiert hatte. Er stand mit den Putschisten, den neuen Machthabern, auf Kriegsfuß. Als die Nationalelf für die WM in Deutschland von Augusto Pinochet höchstpersönlich verabschiedet wurde, verweigerte Caszely ihm ostentativ den Handschlag. Später soll er bei Empfängen der Militärregierung demonstrativ eine rote Krawatte getragen haben. Die Militärjunta habe dann – dafür gibt es aber keine handfesten Belege – gesorgt, dass er eine Zeitlang nicht mehr in die Nationalmannschaft einberufen wurde.
„Ah el penal“, sagte León, mein Wohnungskollege, als ich ihm erzählte, dass ich übermorgen Caszely zum Interview treffen werde. „Elfmeter?“, fragte ich: „Was meinst du mit Elfmeter?“ León antwortete, es handle sich um den berühmten Strafstoß, den Caszely verschossen hat: „Bei der WM, damals, schon lange her. Ah, ich glaube gegen Spanien.“
Ich überlegte. Caszely hatte bei zwei Weltmeisterschaften gespielt, einmal 1974 in Deutschland und dann 1982 in Spanien. Damals in Spanien traf Chile in der Vorrunde auf Österreich. Das Spiel endete 1:0 für Österreich. Und tatsächlich, ich erinnerte mich, da hatte es einen Elfmeter gegeben, den der quirlige Stürmer, der zuvor im Strafraum bei einem Konter gefoult worden war, vergeben hatte.
„Das war in Spanien“, rief ich, „aber es muss gegen Österreich gewesen sein! Ich habe dieses Spiel als kleiner Bub im Fernsehen mitverfolgt!“ Doch León schaute mich gleichgültig an. Er wisse nichts Genaueres, ihn interessiere Fußball nicht. Nur hier kenne jeder diesen Elfmeter. Wahrscheinlich wegen der vielen Werbespots, bei denen Caszely später, als Chile längst wieder zur Demokratie zurückgekehrt war, mitgewirkt habe. Er habe mit diesem legendären Elfmeter für verschiedenste Produkte geworben.
Im Internet suchte gleich danach und fand tätsächlich eine vor etlichen Jahren im TV ausgestrahlte Bonbons-Werbung, bei der Caszely – noch in Trainingshose und im roten Nationaltrickot Chiles – nach dem Match nach Hause kommt und sich zur strickenenden Mutter aufs Sofa setzt: „Mama“, klagt er, „ich habe einen Elfmeter verschossen.“ Sie achtet nicht auf ihn, strickt weiter: „Das macht doch nichts, Sohn. In zwei Wochen wird sich keiner mehr daran erinnern.“
Es war skurril: Österreich hat sein Córdoba und Chile seinen Elfmeter. Wo Fußball ist, dachte ich, ist der Mythos nicht weit. Nur mit dem Unterschied, dass Österreich mit Córdoba einen Sieg erinnert, Chile dagegen eine Niederlage. Das klang so widersprüchlich wie alltäglich, und mitten drinnen Carlos Caszely, den ich – gerade weil ich Österreicher bin – darauf ansprechen würde.
Wir trafen uns in einem Restaurant im mondänen Barrio Alto von Santiago. Es war Mittag, heiß. Caszely hatte auf mich im Gastgarten gewartet. Er trug kurze Sporthosen und ein oranges Adidas-Leibchen. Seine Kaffeetasse war schon leer, daneben eine Packung Roter Marlboro, ein ausgedrückter Filter im Aschenbecher.
Er sprach schnell, verschluckte Silben. Es war nicht leicht, ihm zu folgen. Seine Stimme war rau, sein Blick traurig. Seine Frau war vor einem Dreivierteljahr an einem Krebsleiden verstorben. Er vermisse sie sehr, sagte er. Fast fünfzig Jahre seien sie verheiratet gewesen: sie sei eine gute Gattin, Mutter, Oma gewesen. In wenigen Tagen sei Weihnachten, die ersten ohne sie.
Ich hörte geduldig zu, bei einer längeren Redepause wechselte ich dann aber das Thema. „Hat dir Salvador Allende gefallen?“ – „Si, claro!“ Aber weiter kamen wir nicht. Zwei Männer waren an unseren Tisch getreten, es waren Freunde von ihm. Er stellte sie mir vor: zwei Journalisten, wie er bereits in den Siebzigern. Und ich sei …, er zögerte, meinen Namen konnte er nicht aussprechen. „Jorge,“ sprang ich ihm ein: „Historiker aus Österreich.“ Sie schauten mich skeptisch an und fragten, ob ich wisse, wem ich hier gegenübersitze? Caszely sei mehr als ein Fußballstar gewesen, ein „Crack“, der auch außerhalb des Rasens eine Persönlichkeit gewesen sei.
Ich kenne seine Geschichte, erwiderte ich, im Internet sei viel über ihn zu erfahren: über seine erfolgreiche Karriere, sein soziales Engagement, seine Popularität. Sie fragten mich – sie mussten es überhört haben –, woher ich komme. Das war meine Chance: „Ich bin aus dem Land mit dem berühmten Elfmeter!“
Bumm, der Satz saß! Augenblicklich zogen dicke graue Wolken auf. Caszely schaute betroffen drein, seine beiden Freunde verzogen ihre Minen. Konnte es sein, dass ich da ein Trauma angerührt habe? Unmöglich: Über vierzig Jahre waren seit diesem Spiel in Oviedo vergangen. Alle Welt verschoss Elfmeter. Seine Freunde begannen, sich zu rechtfertigen, ein einziger vergebener Strafstoß könne eine so bedeutende Karriere nicht schmälern. Ja, sagte ich, aber warum habe dieser Elfmeter hier Kultstatus? Darauf bekam ich keine zufriedenstellende Antwort.
Als die Männer wieder weg waren, erzählte Caszely mir von diesem Match. Es war ein extrem heißer Tag gewesen, die Österreicher hätten gut gespielt, aber sie wären zu knacken gewesen. Dann um die zwanzigste Minute das 1:0, ein Kopfballtor von Walter Schachner. Den Namen erwähnte er nicht, er kannte nur einen einzigen österreichischen Spieler, den Tormann Friedl Koncilia.
Österreich spielte trotz des frühen Tores recht offensiv, lief etwa in der 30. Minute in einen Konter. Ein schneller Ball in die Tiefe, ein Abpraller, der Pass in den Lauf und Caszely rannte alleine auf den Torhüter. Von hinten eilte ein österreichischer Außenverteidiger – es war Bernd Krauss – herbei. Er wollte sich in den Schuss werfen, doch Caszely legte sich den Ball vor und stolperte über die Beine des Verteidigers. Krauss meinte später am Telefon, es habe sich um eine Schwalbe gehandelt. Der Schiedsrichter zeigte sofort auf den Elfmeterpunkt. Den Rest ersparte mir der Chilene. Er resümierte nur: „Pelé hat es gemacht, Beckenbauer ebenso und auch Maradona. Nun gehöre auch ich diesem illustren Kreis an.“ Es sollte lustig klingen, aber man spürte seine Verbitterung.
Am Ende unseres Gesprächs erzählte mir Caszely noch ein interessantes Detail. Er hatte sich 25 Jahre später mit Koncilia getroffen. Er war 2007 als Journalist zum Länderspiel Österreich-Chile nach Wien gereist. Plötzlich stand wieder der Tormann vor ihm. Alt und korpulent sei er geworden, sagte Caszely. Nichts habe mehr an die WM in Spanien erinnert. Der Chilene forderte ihn zu einem Elfmeter auf, das sei er ihm schuldig. Koncilia stimmte zu. Dann seien sie runter aufs Spielfeld gegangen. Caszely habe den Ball aufgelegt, ein kurzer Anlauf, Schuss und Tor! Damit war der Fluch hoffentlich gebannt.
Zwei Wochen später traf ich mich mit Leonardo Véliz, einem ehemaligen Teamkollegen und Freund von Caszely. Er war als Journalist und Betreuer nach Spanien mitgereist. Die Niederlage sei eine große Enttäuschung gewesen, erzählte er. Die Nationalelf habe eine sehr gute Qualifikation gespielt, sich intensiv und lange für das WM-Turnier vorbereitet. Die Erwartungshaltung sei im Land hoch gewesen. Die österreichische Mannschaft habe man hingegen kaum gekannt, sie sei unterschätzt worden. Natürlich habe man Caszely nicht die alleinige Schuld für die Niederlage geben können, meinte er. Es wäre Zeit genug gewesen, das Spiel noch zu drehen. Aber die Mannschaft sei in eine Schockstarre gefallen.
Nach dem Match in Oviedo telefonierte Caszely nach Hause und erfuhr, dass seine Familie Drohungen erhalten hatte. Fernsehnachrichten in Chile berichteten von einem tödlichen Vorfall im Norden des Landes. Ein Mann war an einem Herzinfarkt verstorben, der vergebene Penalty habe ihn angeblich verursacht. Caszely zog sich in seine vier Wände zurück, ein Teamkollege stürmte das Zimmer und skandierte scherzhaft: Asesino, Asesino – Worte, die sonst eher Diktator Augusto Pinochet galten: Mörder, Mörder!
Chile verabschiedete sich punktelos aus dem Turnier. „Dann kam zu Hause das Grauen,“ verriet Véliz. „Caszely wurde in jedem Stadion, wo er mit seinem Club spielte, gnadenlos ausgepfiffen – regelrecht niedergemacht, ein halbes Jahr lang.“ Dahinter sei ein Plan gestanden, meinte er. Die Militärdiktatur habe sich für seine Haltung und Brüskierungen gerächt und eine gezielte Kampagne gegen ihn gestartet. Sie habe damit auch von ihren eigenen Problemen ablenken wollen. Das Land habe 1982 in einer tiefen wirtschaftlichen Krise gesteckt, der von ihr aufoktroyierte neoliberale Kurs schuf kein Wachstum mehr, nur noch Arbeitslosigkeit.
Zurück in Österreich besuchte ich Friedl Koncilia. Er empfing mich im Hotel seiner Frau in Bad Ischl. Er trug an einem Fuß eine Prothese, dieser sei nicht mehr ausreichend durchblutet worden, eine Spätfolge des intensiven Trainings, sagte er. Seine Frau habe ihn kürzlich gefragt, ob sich die Fußballkarriere wirklich ausgezahlt habe. Ja, habe er gesagt, es sei die beste Zeit seines Lebens gewesen.
Er erzählte viel von der WM 1978 in Argentinien, wobei Cordoba schnell abgehandelt war. Zur WM nach Spanien seien sie dann mit einer sehr guten Mannschaft gefahren, viele hätten im Ausland gespielt, aber innerhalb des Teams habe es Spannungen gegeben. Die Stimmung sei so schlecht gewesen, dass sogar ein Schlüsselspieler vorzeitig habe abreisen wollen. Andere hätten gar nicht mehr trainiert, ihre Zeit lieber am Swimmingpool verbracht.
Und das Spiel gegen Chile? Kannst du dich noch an den Elfmeter erinnern? „Ja“, sagte er, „er ging doch an die linke Stange?“. „Nein“, antwortete ich, „er ist rechts daneben gegangen.“ Er lachte, er sei bei so vielen Strafstößen zwischen den Pfosten gestanden, aber an die meisten könne er sich kaum erinnern. Ich fragte ihn, ob er sich erklären könne, warum gerade dieser Elfer in Chile einen Platz im nationalen Gedächtnis gefunden habe. Wieder lachte er, Fußball sei verrückt, es passiere so vieles, aber für das meiste gebe es keine Erklärungen: „Ist es im Leben nicht auch so?“
Georg Sutterlüty




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