Fastenzeit …
Diesen Artikel fanden wir in der deutschen TZ „Süddeutsche Zeitung“ (auf der Titelseite)
Das Streiflicht
Es ist wieder Fastenzeit, und es gibt wieder viele Menschen, die nicht ohne Stolz sagen, sie würden nun im Sinne christlicher Tradition bis Ostern keinen Alkohol trinken, keine Süßigkeit und kein Fleisch essen. Nun, diese Menschen können tun, was sie wollen, nur sollten sie sich dabei nicht so laut auf die Bibel berufen, sondern eher auf ihren Ernährungsberater oder ihren Hausarzt. Denn laut Beschluss der Katholischen Bischofskonferenz ist der Verzicht auf Fleisch nur am Aschermittwoch, am Karfreitag und an den Freitagen vorgeschrieben, von Alkohol ist gar nicht die Rede. Die restlichen Tage in der Fastenzeit soll der Gläubige zwecks Einstimmung auf das Osterfest in sich gehen und vor allem viel beten. Noch besser dran sind die Protestanten, denen Martin Luther in der Reformation vom Fasten abgeraten hat, wie man auf der Webseite der Evangelischen Kirche in Deutschland nachlesen kann. Luther hatte erklärt, die Gnade Gottes könne man sich nicht erarbeiten, auch nicht durch Verzicht. Die frohe Botschaft des Evangeliums sei, dass der Mensch diese geschenkt bekomme.
Das wirft die Frage auf, was denn Jesus Christus in der Angelegenheit sagen würde? Nachdem Johannes den Heiland im Jordan ganzkörpergetauft hatte, fastete Jesus, vom Teufel in Versuchung geführt, die berühmten 40 Tage in der Wüste, bevor er die Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes verkündete. Seinen Jüngern erließ er laut Matthäus-Evangelium diese qualvolle Übung bis zu seinem Tod, da die Zeit seines Wirkens eine Freudenzeit sei. Gefastet wurde später trotzdem, auch weil Verzicht Süchte bändigt und gewiss nicht schadet, und deshalb zieht das Fasten, egal was Jesus und Luther nun davon halten mögen, immer größere Kreise. So gibt es mittlerweile die Initiative Autofasten Thüringen, die bis Karsamstag dazu einlädt, „mal einen anderen Weg einzuschlagen“, und auch das Smartphone-Fasten (Digital Detox) soll die seelische und psychische Entgiftung beflügeln.
Kann da der Papst zurückstehen? Leo XIV. hat am Aschermittwoch erstmals zum „Wortfasten“ aufgerufen, wie die „Vatican News“ aktuell vermelden und erklären, dass der Pontifex den Gläubigen den Rat gegeben habe, sich dem Verzicht von Worten zu verschreiben, die andere verletzen. Wie bei allen guten Ideen fragt man sich, warum niemand vorher darauf gekommen ist. Die Schimpfkanonaden, die anonym im Netz auftretende Maulhelden loslassen, gehören unbedingt auf den Index der Katholischen Fastenordnung gesetzt. Auch die Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages und die Straßenverkehrsordnung sollten umgehend mit einer Wortfasten-Klausel versehen werden. Wer bisher den Konsum von Bier und Schweinsbraten nicht einstellen konnte, der kann dem Papst danken. Von nun an genügt es, einfach mal die Klappe zu halten.
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