Frankreichs Bevölkerung setzt Zeichen des Unmutes durch Tragen der gelben Westen

Sie halten Stellung und werden so leicht nicht aufgeben. Diese Bewegung der « gelben Westen » der Bevölkerung Frankreichs wird sich nicht so gleich wieder auflösen. Seit dem 17. November wird demonstriert, dies nicht nur in Paris, sondern in ganz Frankreich. Sie trotzen Kälte und Regen, errichten Barrikaden, setzen Radarboxen außer Gefecht indem diese mit dunkler Plastikfolie umwickelt werden, besetzen Kreisverkehre, Brücken, Kaufhäuserzufahrten und Autobahnausfahrten.

 

Bericht und Bildmaterial: B. Poggioli 20.12.2018

 

So kamen wir, wie viele Autofahrer, in den Genuss, auf der Autobahn zu fahren, ohne Maut zu zahlen.  Während unserer 10 Tages-Reise durch Frankreich konnten wir feststellen, dass es falsch ist, anzunehmen, die Gelben Westen sorgten nur für Unruhen und Zerstörung. Im Allgemeinen ist die Stimmung eher gemütlich. Jegliche Art von Gewalt wird konsequent abgelehnt. Aber durch einige Hitzköpfe und Personen die von dieser Situation profitieren, lassen sich Gewaltakte nicht vollständig verhindern. Zum Zeitpunkt wo dieser Bericht geschrieben wird, gab es insgesamt 10 Tote im Zusammenhang mit diesen Protesten. Dennoch unterstützen über 80 Prozent der französischen Bevölkerung diese Bewegung. In vielen Autos sind die gelben Sicherheitswesten gut ersichtlich, und beim Vorbeifahren an den  Demonstranten wird gehupt und geklatscht.

 

Viele, die jetzt Straßen blockieren, waren bisher eher unpolitisch und nahmen nicht an Demonstrationen teil. Diejenigen, die nun protestieren, haben, so sagen sie selbst, „die Schnauze voll“. Das Leben sei unbezahlbar geworden.  Da ist Renaud, er ist in Frühpension da die Firma in welcher er seit über 20 Jahren arbeitete, die Produktion ins Ausland verlagerte. Mit 850 Euro muß er  mit seiner Familie, sie haben 2 Kinder, überleben. Er meint aber dass es ihm relativ gut gehe, denn seine Frau hat noch Arbeit und verdient den Mindestlohn. Nachdem Miete, Steuern, Versicherungen, Schule, Benzinkosten bezahlt sind, bleiben ihnen noch 250,00 Euro übrig. Bei Georgette, sie ist Witwe, ist es anders. Sie bekommt ganze 365 Euro Rente. Ihr ganzes Leben half sie ihrem Mann auf dem Bauernhof, jetzt müssen ihre Kinder sie erhalten.

 

Serge ist behindert, bekommt eine Behindertenpension, die es ihm aber nicht ermöglicht, jeden Tag satt zu werden. Er ist froh, dass es die « restaurants du coeur », ähnlich wie « Tischlein deck Dich » bei uns, gibt, wo er Lebensmittel gratis erhält. Wir haben mit vielen Personen gesprochen und diese Beispiele sind leider kein Einzelfall.

 

Auch Polizisten und Berufsfeuerwehren tragen unter ihrer Uniform diese « gelben Westen » und fühlen sich mit der Bevölkerung vereint. Die Polizisten sind mit über 500 Überstunden die zur Zeit weder ausbezahlt oder mit Zeitausgleich beglichen sind am Limit ihrer Kräfte angelangt. Dennoch sind sie zur Stelle und machen ihre Arbeit. Verhandlungen mit der Regierung um die Situation zu bereinigen sind am laufen.

 

Was war aber der Auslöser dieser Massenbewegung, bei der Hunderttausende Menschen auf die Straße gehen?

Es begann damit, dass Präsident Macron im Oktober 2018 erhöhte Treibstoffabgaben ab dem 1. Jänner 2019, ankündigte: Der Liter Diesel soll um 7 Cent und der Liter Benzin um 3 Cent teurer werden. Gerechtfertigt wurde diese Erhöhung mit dem Argument des Umweltschutzes. Außerdem war die Rede davon, dass ab 2040 keine Diesel- und Bezinfahrzeuge mehr zugelassen werden. In Paris soll schon ab 2024 ein Dieselverbot gelten. Zurzeit kostet ein Liter Benzin durchschnittlich 1,53 Euro, Diesel 1,50 – 1,51 Euro. In Städten, wo das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln gut vernetzt ist, kommt diese Preiserhöhung weniger zu tragen. Aber die Bevölkerung, die auf dem Land lebt und keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung hat, ist benachteiligt. Dies war der Punkt, der das Fass überlaufen ließ.

 

Im Allgemeinen brodelte es aber in der Bevölkerung der Mittelschicht, durch immer wieder neue Steuern, einem kontinuierlich sinkenden Einkommen, das den Lebensstandard ständig heruntersetzte, schon lange. Lange soll hier heißen, dass sich das schon durch Jahrzehnte zieht und nun der Zeitpunkt eingetroffen ist, wo die Bevölkerung einfach nicht mehr kann. Sie hätten es satt, schon am 20. des Monats in den roten Zahlen zu sein, obwohl beide Elternteile arbeiten, wurde uns gesagt.

 

Wie hoch ist der Mindestlohn 2018 in Frankreich eigentlich? 

Mindeststundenlohn: Brutto 9,88 € / Netto 7,82 €

Monatsmindestlohn: Brutto 1.498,47 € / 1.184,93 €

 

Präsident Emmanuel Macron meinte durch Entgegenkommen der Protestwelle ein Ende zu setzen, aber dem ist nicht so. Dass der Mindestlohn 2019 um 100 Euro erhöht wird, ist so gesehen eine schöne Geste, wird aber nicht als Lohnerhöhung, sondern als Prämie erhalten und scheint später in der Berechnung der Pensionen und Renten nicht auf.

 

Noch steuern weder Gewerkschaften, noch politische Parteien diese Bewegung. Die Organisation geht hauptsächlich über soziale Netzwerke. Es wird nun aber versucht, eine richtige Struktur in die Bewegung zu bringen. Ein « RIC » Referendum der Bürgerinitiative wird verlangt.

 

Wie das alles enden wird, ist fraglich. In den letzten Tagen wurden die Kreisverkehre von der Exekutive geräumt, dennoch ist die Bewegung nicht gestoppt und immer wieder werden neue Blockaden aufgestellt. Auf der einen Seite werden die Hindernisse von der Polizei entfernt und an einem anderen Ort wieder von den « gelben Westen » aufgestellt. Es wird nun ein Katz und Maus Spiel. Das Ende ist noch nicht absehbar, obwohl die Regierung gewillt ist, gewissen Forderungen entgegen zu kommen bleibt die Bevölkerung mobilisiert, wird wohl auch nach Weihnachten die Stellung halten es ist nur zu hoffen, dass sich die Situation nicht radikalisieren wird.

 

Bericht und Bildmaterial: B. Poggioli 20.12.2018

 

Deine Meinung

  1. Einige Probleme könnten wir selber lösen, in dem wir wieder zufriedener sind mir dem was wir haben, und nicht immer brauchen was der Nachbar hat.
  2. Bravo, Richard! Ein Bericht dem ich Glauben schenke und der zeigt, dass es innerhalb Europas große Probleme zu lösen gibt.